Smart-City-Quartier Remishueb in St. Gallen - erst die Menschen machen eine Stadt smart

St. Gallen will bis 2050 die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft weitgehend umsetzen, sich dabei zur Smart City entwickeln und – dank smarter Technologien – Energie, Ressourcen und Finanzen viel effizienter, cleverer und nachhaltiger als heute nutzen. Im Quartier Remishueb im Osten der Stadt wird schon mal geprobt.

Auf rund 590’000 Quadratmeter erstreckt sich das Quartier Remishueb. Genossenschaftsbauten, Einfamilienhäuser, Schulanlage, Alters- und Jugendwohnheim: Es ist ein bunter gesellschaftlicher Mix, der sich hier bietet. Sogar ein Spital gehört dazu sowie eine Gewerbe- und Industriezone. «Ein richtiger Mikrokosmos, ideal für ein Smart-City-Pilotprojekt», schwärmt Marco Huwiler. Er ist Bereichsleiter Innovation der Sankt Galler Stadtwerke. Sie sind die treibende Kraft hinter dem Projekt Remishueb. Das Pilotprojekt im Ostschweizer Stadtquartier soll aufzeigen, wie sich Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen auf unterschiedlichen Stufen (Gebäude, Quartier, Areal, Stadt) dank smarter Technologien nachhaltiger und effizienter nutzen lassen.

Angespornt wird die Stadt St. Gallen durch ihre Erfahrungen mit dem Label Energiestadt. Bei der Erarbeitung einer neuen Energielösung für das Quartier Remishueb stehen die Nutzung erneuerbarer Energien und mehr Energieeffizienz im Vordergrund. Zusätzlich sollen neue Mobilitätsdienstleistungen erarbeitet werden. Die technologische Basis dafür bietet das Glasfasernetz der Stadtwerke, das bis Ende 2018 flächendeckend über die ganze Stadt erstellt sein soll. Ergänzt wird es mit strahlungsarmem Mobilfunk.

Im Kleinen erproben, was im Grossen Zukunft ist

Auf der Westseite der Stadt entsteht mit dem Neubau Sturzenegg bereits ein Pilotprojekt für die «smarte» Vernetzung eines Gebäudes. Einiges, was hier ausprobiert wird, soll auch im Remishueb zur Anwendung kommen: Intelligente Steuerung der Überbauung, nachbarschaftliche Tauschbörse, Meldungen an die Verwaltung, Fahrzeugreserva-tion beim Carsharing direkt vor der Haustüre und vieles mehr. Alles gesteuert über eine einzige Smartphone-Applikation. Sturzenegg soll 2017 bezugsbereit sein.

Die bisherigen Erfahrungen fliessen bereits jetzt in die Planung von Remishueb ein. Allerdings geht es hier im Gegensatz zur Sturzenegg um die Optimierung bestehender Bauten. «Die Stadt ist mehrheitlich gebaut», wie Huwiler betont. In einem ersten Schritt werden drei bis fünf einzelne Massnahmen als Leuchtturmprojekte umgesetzt. Sie müssen Beispielgebend für die ganze Stadt sein. «Multiplizierbar», wie es Marco Huwiler nennt. Er ist zuversichtlich, dass sich das Konzept Smart City sehr gut auf die ganze Stadt übertragen lässt.

Die Verwirklichung des Pilotquartiers Remishueb ist in drei Phasen unterteilt:
• Teilprojekt 1: Stadt, Stadtwerke und Genossenschaften entwickeln gemeinsam mit den Bewohnern und Nutzern Szenarien für die Quartierentwicklung.
• Teilprojekt 2: Im Quartier werden neue Dienstleistungen angesiedelt, die zur Steigerung der Lebensqualität beitragen.
• Teilprojekt 3: Schliesslich sollen mit den neuen Möglichkeiten die Beziehungen zwischen Bevölkerung, Gewerbe und Behörden vereinfacht werden. Im Fokus stehen die Bildungseinrichtungen, die Gesundheitsversorgung und das Alterswohnen.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Zwar treiben die Stadtwerke St. Gallen die «Smart City St. Gallen» voran. Doch erst die Menschen machen eine Stadt smart, ist Huwiler überzeugt. Im September luden die Stadtwerke die Bevölkerung, Gewerbetreibenden und Wohnbaugenossenschaften von Remishueb zum Workshop. «Wir erhielten viele positive Reaktionen und viele Ideen, von denen einige ins Projekt einfliessen werden», so Huwiler. Darunter öffentliche Bücherschränke mit Ausleihe via App, Repair-Cafés für den Austausch von Werkzeug und Know-how, Initiativen gegen Food-Waste und vieles mehr. «All das sind lustvolle und begegnungsfördernde Ansätze, in Kreisläufen zu denken und eine Stadt nachhaltiger zu machen». Im bestehenden Quartier Remishueb sollen Projekte und Massnahmen aus unterschiedlichen Themenbereichen und Disziplinen zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt werden.

Allerdings sind sich auch die Projektleiter von Remishueb darüber im Klaren, dass nicht alles verwirklicht werden kann. Sie wollen keine planerischen Utopien realisieren, sondern den Menschen den Zugang zu dem erleichtern, was sie tatsächlich brauchen. «Wir stellen die Technologie bereit, aber die Menschen müssen sie nutzen wollen», so Marco Huwiler. «Zentral ist die Kombination zwischen Gesellschaft und Technik mit dem Anspruch von Sicherheit – Effizienz – Komfort».

Projektförderung durch das BFE

Von der Machbarkeit ist auch das Bundesamt für Energie überzeugt. Im Frühjahr hat die Stadt beim Bundesamt für Energie BFE ein Gesuch um Förderbeiträge eingereicht und wurde prompt berücksichtigt. «Wir können mit dem Pilotprojekt zeigen, dass sich der Energieverbrauch tatsächlich so senken lässt, wie es in der Energiestrategie 2050 gefordert wird. Und zwar ohne Einbussen bei der Lebensqualität», sagt BFE-Vizedirektor Daniel Büchel, der für das Bundesprogramm EnergieSchweiz zuständig ist.

Stefan Wyer, Rafael Brand

 

Foto: Jürg Zürcher